Die letzten Worte – oder: was Jesus und Mohammed am Ende wichtig war

Über das Christentum und den Islam ist schon viel geschrieben worden. Neuerdings versucht man ja auch in bestimmten Kreisen krampfhaft eine angebliche „Abrahamitische Religion“ (unter Einbeziehung des Judentums) zu konstruieren, in dem man die offenkundigen Unterschiede einebnet und das wenige Gemeinsame übermäßig betont. Ob das gelingt, sei dahingestellt. In diesem kurzen Essay soll es aber nicht um tiefschürfende Betrachtungen der beiden Weltreligionen „Christentum“ und „Islam“ gehen, sondern ich möchte das Augenmerk auf die letzten Worte der beiden Religionsstifter Jesus und Mohammed richten. Was war ihnen wichtig, welche Inhalte wollten sie zuletzt noch vermitteln? Fangen wir mit Jesus an.

Leben und Wirken von Jesus werden im Wesentlichen in den vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments beschrieben. Sie entstanden in der Zeit von ca. 50 n.Chr. bis etwa 100 n.Chr.. Markus, der Verfasser des chronologisch ersten Evangeliums, hatte wohl noch Kontakt zu Augenzeugen und Personen, die Jesus gekannt haben. Insgesamt ist die Biografie von Jesus für eine antike Persönlichkeit zeitlich erstaunlich nah. Zum Vergleich: Die erste Biografie über den römischen Kaiser Augustus erschien über 100 Jahre nach seinem Tod. Die erste Mohammed-Biografie sogar erst 200 Jahre nach dessen Tod. Als letzte Worte kann man im Fall von Jesus die „Kreuzesworte“ betrachten, also das, was er während seines Martyriums am Kreuz gesagt haben soll. Diese Kreuzesworte sind:

1. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34 )
2. „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)
3. „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26-27)
4. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34 EU ; Mt 27,46)
5. „Mich dürstet.“ (Joh 19,28)
6. „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30 )
7. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Mich hat immer das erste dieser Kreuzesworte am meisten berührt. Man stelle sich vor, man wird unschuldig auf grausamste Art und Weise hingerichtet – was würde ein normaler Mensch tun? Seine Peiniger verfluchen wäre wohl das mindeste. Nicht so Jesus. Er bittet für seine Peiniger um Vergebung bei Gott. Aber Jesus war auch ein Mensch und daher ist das vierte Kreuzeswort angesichts der Todesqualen am Kreuz nur allzu verständlich. Auch das berührt mich zutiefst. Nach der Kreuzigung berichten die Evangelien von Jesu Auferstehung und Himmelfahrt. An ein paar Stellen der Evangelien spricht Jesus noch mit seinen Jüngern – hauptsächlich, um sie von seiner Auferstehung zu überzeugen – dann gibt er im Matthäusevangelium noch den Missionsauftrag:

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Matthäus 28 (Luther 1912)

„Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ bezieht sich auf die Gesamtheit von Jesu Wirken, seine Predigten und seine Gleichnisse. Wer sich genauer informieren möchte, kann in den vier Evangelien des Neuen Testaments nachschauen.

Kommen wir nun zu Mohammed. Im Jahre 632 n.Chr. trat er seine letzte Pilgerreise nach Mekka (die sog. Hağğ) an. Die Hağğ gehört zu den 5 Säulen des Islam und sollte von jedem Mohammedaner mindestens einmal im Leben absolviert werden. Während dieser Pilgerfahrt hielt Mohammed eine lange Predigt – in der deutschen Übersetzung immerhin 3.056 Worte – die als „Abschiedspredigt“ oder al-Khutba al-Wada in die islamische Geschichte einging. Was wollte Mohammed, der sich selbst als der letzte Prophet ansah, seinen Anhängern mitteilen? Nach einigen einleitenden Worten verkündet er:

O ihr Menschen! Ich bin der einzige Gesandte Allahs, den Er damit beauftragt hat, Seine Befehle zu vermitteln, Seine göttlichen Entscheidungen auszuführen, das Land aufzubauen und die Weltordnung zu schaffen. Hört mir zu, ich werde euch einiges erklären. Ich weiß nicht, ob ich euch nach diesem Jahr hier jemals wieder treffen werde.

Danach versichert er seinen Zuhörern, dass sie ein Recht auf ihre Ehre und Würde sowie auf körperliche Unversehrtheit haben, allerdings nicht ohne sogleich hinzuzufügen

Strafen, die aufgrund der vom Islam festgelegten Verantwortlichkeit vollstreckt werden, und welche auf gerechtfertigten Entscheidungen beruhen, sind eine Ausnahme.

Danach erklärt Mohammed, dass der Zinshandel streng verboten und abgeschafft sei. Das Thema „Zins“ war offenbar schon im Altertum ein großes Problem, zu dem sich auch Propheten gerne äußerten. Dann erklärt er die Blutfeden für abgeschafft und ergänzt:

Die Strafe für mutwilliges Töten ist Vergeltung. Mord, der dem mutwilligen Töten ähnelt, ist das Töten mit einem Stock oder Stein. Als Blutgeld dafür gelten hundert Kamele. Wer mehr verlangt, hat den Islam nicht angenommen und sehnt sich nach der Zeit der Dschahiliya [Anm.: Damit ist die vorislamische Zeit der „Unwissenheit“ gemeint].

Nach einer kurzen Ausführung zur Anzahl der Monate – auch im Islam sind es zwölf – und dem Verbot, an vieren davon Krieg zu führen, erklärt Mohammed:

So wie die Muschriq (Polytheisten), die Allah in Bezug auf seine Göttlichkeit, Autorität, Macht und Eigentum etwas gleichsetzen und beigesellen, gemeinsam gegen euch kämpfen, so kämpft auch ihr alle zusammen gegen sie.

Ebenfalls wenig Spielraum für Missverständnisse bietet die folgende Passage zur Stellung der Frau im Islam, die Mohammed auf seine Ausführungen zu Blutfeden und Krieg folgen lässt:

O ihr Menschen! Eure Frauen haben gewisse Rechte über euch, und ihr habt gewisse Rechte über eure Frauen. Sie haben euch gegenüber (die Pflicht), nicht euer Bett entehren zu lassen, euch nicht gefällige Leute nicht ohne eure Erlaubnis in euer Haus zu nehmen, nicht schlecht zu sprechen und sich nicht schlecht zu benehmen und keine offenkundige Unmoral zu begehen. Wenn sie das tun, so hat Allah euch erlaubt, sich von ihrem Lager zu trennen und sie zu schlagen, aber nicht heftig: doch wenn sie aufhören, erhalten sie ihren Unterhalt und ihre Kleidung wie üblich.

Anschließend gibt Mohammed noch ein paar Empfehlungen, wie ein Muslim mit weiblichen Sklaven umgehen sollte, bevor er sich der Frage widmet, was genau denn ein „Muslim“ ist. Seine einfache wie geniale Antwort darauf ist:

Jemand, der anderen Muslimen keinen Schaden zufügt; weder durch seine Zunge noch durch seine Hand.

Und weiter

Wisst, dass Muslime aller Rassen Brüder sind. Alle Gläubigen sind Brüder. Kein Besitztum eines Bruders ist halal, solange dieser es nicht genehmigt. Lasst kein Unrecht, Trug oder Verrat zu.

Man sollte Mohammed beim Wort nehmen und sehr genau darauf achten, dass er hier davon spricht, dass ausschließlich Muslime gemeint sind. Noch deutlicher wird er ein paar Absätze später:

O ihr Menschen! Die Erde gehört Allah und Seinem Gesandten. Es wurde mir befohlen, mit den Menschen zu ringen, bis sie “Es gibt, keinen Gott außer Allah“ sagen. Wenn sie das Kalima Al-Tawhid (Glaubensbekenntnis) aussprechen, gelten ihr Blut, ihr Leben und ihr Eigentum als gesichert. Strafen, die aufgrund der vom Islam festgelegten Verantwortlichkeit vollstreckt werden, und welche auf gerechtfertigten Entscheidungen beruhen, sind eine Ausnahme.

Mohammed fährt fort und bekräftigt noch einmal, dass er der letzte der Propheten ist und alles, was zuvor von diesen gesagt wurde nun durch seine Worte und Taten abgelöst sei. Wörtlich „Die Aufrufe aller Propheten sind Vergangenheit, ihre Beauftragung ist beendet. Allein meine Einladung und meine Berufung bestehen weiter.“ Man kann wirklich nicht sagen, dass Mohammed unter einem wenig entwickelten Selbstbewusstsein gelitten hätte.

Die Zitate aus der Abschiedspredigt stammen aus der deutschen Übersetzung des DIA – Diyanet Vakfı Islam Ansiklopedisi/Enzyklopedie des Zentrums für Islamstudien, Istanbul. Der vollständige Text kann hier nachgelesen werden.

Die wahrhaft letzten Worte sprach Mohammed aber etwas später auf seinem Totenbett in Medina im Haus seiner dritten Ehefrau Aischa, die er nach islamischer Überlieferung geheiratet hat, als sie sechs Jahre alt war (vollzogen wurde die Ehe – ebenfalls nach islamischer Überlieferung – mit neun. Mohammed war zu diesem Zeitpunkt bereits über 50 Jahre alt). An der Stelle dieses Hauses steht heute die Prophetenmoschee mit der Grabstätte Mohammeds. Je nach Quelle soll Mohammed kurz vor seinem Tod folgendes gesagt haben:

„Das Gebet, das Gebet! Und fürchtet Allah bezüglich derjenigen, die ihr in eurer rechten Hand besitzt.“ (Abu Dawud und Ibn Majah)

beziehungsweise

„Vertreibt die Juden vom Hijaz und Najran von der arabischen Halbinsel und wisset, dass die schlechtesten Menschen diejenigen sind, die die Gräber ihrer Propheten zu Anbetungsstätten machten.“ (Abu Ubaida)

Unabhängig davon, ob Jesus und Mohammed wirklich gelebt haben oder ob die Ereignisse, die im Neuen Testament und den Hadithen beschrieben werden tatsächlich stattgefunden haben, so bilden diese Schriften doch die Glaubensgrundlage für Millionen Menschen, haben über Jahrhunderte tief in die kulturelle DNS von Gesellschaften gewirkt und die Vorstellung von „gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“ nachhaltig geprägt. Selbst der ungläubigste Atheist oder Agnostiker kann das nicht ignorieren. Am Ende wird das gesagt, was einem wichtig ist.

Frank Rost, Mitglied der BPE