Erdogan-Propaganda mit jedem Muezzin-Ruf

Türkische Kulturvereine und Moscheen dienen nicht der Toleranz, sondern stärken Erdogan. Mustafa Kemal Atatürks Vision einer modernen laizistischen Türkei wird zu Grabe getragen.

Bereits im Februar 1937 setzte Atatürk im türkischen Parlament den laizistischen Grundsatz durch. Es gibt Menschen, welche die Bedeutung des Laizismus nicht kennen. Selbst glühende Verehrer von Atatürk, die ihre Verehrung mit Autoaufklebern und sogar Tätowierungen bekunden. Zum Laizismus stehen die Leute oft nicht.

Die Religion setzt sich in der Türkei immer mehr durch, dieser Prozess begann schon 1960. Der Laizismus muss immer mehr zurückstehen zugunsten des Islams. Der Glaube wird in der türkischen Gesellschaft und Öffentlichkeit immer präsenter. Durch den Laizismus erworbene Fortschritte und Errungenschaften werden wieder abgebaut. Was dafür die Ursachen sind, darüber gibt es mannigfaltige Meinungen. Ein Grund dürfte darin bestehen, dass viele Türken die Türkei verlassen haben, um in Deutschland ihr Glück zu suchen.

Es trat eine Entfremdung zwischen den hier lebenden Türken und den Verwandten in der Heimat ein. Die „Deutschen“ brachen, bewusst und unbewusst, mit Traditionen und Werten. Mentale Entfremdung innerhalb der Familie, überhebliches und arrogantes Auftreten gegenüber den Einheimischen in der Heimat führte zu einer Spaltung der türkischen Gesellschaft. Tief greifende Konflikte in der gesamten Gesellschaft wühlen die Menschen bis heute auf. Die Religion soll nun das Pflaster für die tiefe Wunde sein.

Das war Atatürks Verständnis von  Staat und Religion:

Religion ist eine persönliche Angelegenheit des Gewissens. Eine Zusammenkunft zwischen Gott und dem einzelnen  Menschen. Religion ist Privatsache und geht nur das Individuum etwas an. Religion darf nicht als Vorzeige-Lebensmodell oder gar Statussymbol benutzt werden. Jedes Individuum kann und soll seinen Glauben privat ausleben. Dazu werden weder Öffentlichkeit noch Gemeinschaft benötigt.

Für Atatürk waren Mann und Frau gleichwertig und galten als gleichberechtigt. Er respektierte jeden Glauben und lehnte die Verzahnung von Politik und Religion ab. Für ihn durfte der Glauben nicht als politisches Instrument missbraucht werden. Echte Gläubige dürfen nicht so handeln, war seine Devise. Atatürk bezeichnete das als Sünde.

Wer Religion für politische Zwecke instrumentalisiert, stellt sich gleich mit Gott. Nach Atatürks Ansicht ist solch ein Verhalten nicht nur Sünde, es öffnet dem Faschismus Tür und Tor. Atatürk wollte  echte Gläubige von den, in seinen Augen, faschistischen Fundamentalisten schützen. Atatürk war nicht nur gebildet und ein Anhänger der westlichen Kultur, er war auch ein gläubiger Moslem.

Atatürk trennte Staat und Religion strikt. Damit sich Fortschritt und Religion nicht gegenseitig behindern konnten. Religiöse Symbole und Kleidung wurden aus der Öffentlichkeit verbannt. Er reformierte Bildung, Künste, Gesundheitssystem und Sozialsystem nach westlichem Vorbild. Die Türkei erlebte einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung.

Politiker, die westliche Orientierung als gottlos ablehnen, treten seit 1960 in Erscheinung.  Sie bezeichnen sich als moderat islamisch und nennen sich Demokraten. Als passendes Lebensmodell für die Türkei wird der Islam propagiert. Der Glaube, täglich praktiziert, bewahrt die Moslems davor, vom Weg abzukommen. Die Religion ist das Pflaster, das die Wunden der Gesellschaft heilt. 1999 erschien die AKP, Adalet Kalmkinma Partisi,  auf der Bildfläche.

Den Nachfolgern Atatürks fehlte es an Ideen für die Zukunft. Visionen, die der neuen Generation angeboten werden konnten. Im Land herrschte Stagnation, man hatte sich vom Geist des Fortschritts entfernt. Die türkische Gesellschaft hängt weitestgehend einem Führerkult an. Der „Führer“ Atatürk fehlte.

Die AKP verstand es, mit fanatischen Politikern die Lücke zu füllen. Zweifelsfrei ist diese Partei eine islamistische, welche Atatürks Ideen aus Gesellschaft und Verfassung verbannt sehen will. Arabische Lebensweise und Kultur sollen als Vorbild dienen, inklusive Scharia. Ziel ist ein modernes Kalifat. Mit Erdogan als Führer in seinem Palast.

Erdogan nutzte seine Chance, als die Türkei nicht in die EU eintreten durfte. Pro westliche und säkulare Türken fühlten sich von Europa im Stich gelassen. Türken waren in ihrer Ehre gekränkt. Europa hatte ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das stärkte die AKP. Die Türkei sah sich in ihrem Stolz verletzt, man betrachtete die Nichtaufnahme ein die EU als Schmach.

Mit verletztem Stolz Politik zu machen, darauf versteht sich Erdogan. Er konnte so seine Gegner immer mehr ins Abseits drängen. Gleichzeitig die Gesellschaft von den Vorzügen der islamischen Kultur überzeugen.

Der reine Glaube an Allah vereint die Türken. Atatürk zählt nicht mehr, hat er doch die Entfremdung von der eigenen Kultur zugelassen. Das führte zur kollektiven Ehrverletzung. Davor wird sie Erdogan zukünftig bewahren. Die Türkei, nicht Erdogan, wendet sich von Europa ab und zu besserem hin.

Die in Europa und Deutschland lebenden Türken werden von Erdogan nicht vergessen. Immer wieder werden sie in Reden angesprochen oder zumindest erwähnt. Er gibt ihnen das Gefühl, Teil der großartigen Gemeinschaft von Muslimen anzugehören. Er sogt dafür, dass Türken  außerhalb der Türkei sich nicht vergessen fühlen.

Erdogan ist bewusst, welches Potenzial allein die Anzahl der Auslandstürken darstellt. Er will die Bindung  beibehalten, um seinen Machtbereich zu erweitern. Wenn Erdogan den hier lebenden Türken aus der Seele spricht und Balsam auf diese legt, ist das politisches Kalkül. Er vertritt vermeintlich die Interessen der Türken und der Türkei. Fordert Vorteile für sein Land. Diese Forderungen haben nicht zufällig mit Religion zu tun. Für seine Anhänger in Deutschland fordert er, was er den Aleviten in seinem Land vorenthält. Finanzielle Unterstützung gibt es für Moscheen. Hauseigene linientreue Geistliche werden aus der Türkei entsandt. Erdogan vertritt die Interessen derer, die in Parallelgesellschaften leben und nur noch Religion und Familie als Zufluchtsort sehen.

Für die vielen türkischen Kulturvereine, die nichts als reine Männercafés sind, gilt ähnliches. Die Männer sitzen dort wie früher in der Türkei im Teehaus. Oft handelt es sich um Anlaufstellen und Netzwerke für AKP- Wähler statt um Kultur. Erdogan möchte ganz offensichtlich an die vor- kemalistische Zeit anknüpfen. Einfluss aus Europa ist nicht gewünscht und wird verleugnet

Türken in Deutschland und Europa sollen von Nehmern zu Gebern werden. Das oftmals bildungsferne Arbeiter wenig geben können spielt keine Rolle. Erdogan gibt ihnen, wonach sie sich sehnen. Neues Selbstbewusstsein, ganz einfach mit der Religion.

„Zeigt ihnen unsere Kultur“, damit meinte er die gottlosen und kulturfremden Europäer. Er vermittelt ein Überlegenheitsgefühl. Macht aus Integrationsverweigerern Nationalisten, aus Verlierern Gewinner, aus integrierten, säkularen Türken Vaterlandsverräter.

Die Politik in Deutschland bejaht den Laizismus nicht. Stattdessen wird jedes religiöse Bauvorhaben, Moscheen und Kulturvereine, genehmigt. Alles im Namen der Religionsfreiheit. Inkompetenz und Bequemlichkeit hindern die Politik daran, den Rest von Laizismus zu bewahren. Parallelgesellschaften in den deutschen Staat zu integrieren, dieses Vorhaben hat man längst aufgegeben. Man erfüllt die Forderungen und hofft darauf, seine Ruhe zu haben. Dass die Zahl derer, die bei Unzufriedenheit aufsässig werden könnten, nicht zu unterschätzen ist, das Wissen Erdogan und die deutsche Politik. Man versteckt seine Feigheit hinter einer längst ausgehöhlten Verfassung.

Im Schatten der Corona-Krise unterzeichnete Rheinland-Pfalz erneut eine Zielvereinbarung mit islamischen Verbänden. Der islamischen Religionsgemeinschaft DITIB. Dem Landesverband der Muslime. Dem Landesverband der islamischen Kulturzentren. Der Ahmadiyya Muslim Jaamat. Die Vereinbarung gilt für 18 Monate. Da stellen sich mehrere Fragen: Wie werden die Vertreter der Verbände ausgewählt? Wer trifft die Auswahl? Wer kontrolliert das? Werden die Vereinbarungen überprüft? Von wem? Was passiert nach Ablauf der 18 Monate?

Yilmaz Yildriz, DITIB- Vorsitzender, sprach von einem „ersten Schritt in die richtige Richtung“. Damit Anerkennung und Gleichstellung muslimischen Lebens vorangebracht wird.

Wie die richtige Richtung für einen wahren Muslim aussieht, dürfte jedem klar sein. Im Islam gibt es nur eine Richtung. Diese Richtung steht einer freiheitlichen demokratischen Verfassung diametral entgegen.

In über 40 Städten in Deutschland wurde, ebenfalls im Windschatten von Corona, der Muezzin-Ruf genehmigt. Der Gebetsruf soll Trost spenden in Zeiten der Krise. Wie lange dauert so eine Krise an? Bis sich die Gesellschaft an den Muezzin-Ruf gewöhnt hat?

Kritisch zu hinterfragen ist, warum solch ein relevantes Thema nicht zur Volksabstimmung gebracht wurde.

Wenn mit deutschem Steuergeld Moscheen und Kulturvereine unterstützt werden, finanziert der Steuerzahler in Wahrheit den Islam und Erdogan. Jeder Muezzin-Ruf ist Propaganda für Erdogan. Jeder Muezzin-Ruf ist ein  Trauergesang für die Freiheit.

Quelle: Tichys Einblick